

Vortrag Sportwissenschaft
Achim Conzelmann

PhD (1995) and habilitation (2000) at the University of Tübingen in Sports Science
2003–2005 Professor of Sports Science with a focus on Sport Psychology and Movement Science at Kiel University (Christian-Albrechts University)
2005–2024 Full Professor (Chair) of Sports Science with a focus on Sport Psychology and Research Methods at the University of Bern
2005–2016 Director of the Institute of Sports Science, University of Bern
2013–2015 Dean of the Faculty of Humanities, University of Bern
2016–2021 Vice-Rector for Development, University of Bern
Research focus areas: Personality development in and through sport; motor development across the lifespan; differential sport counselling in adulthood; successful ageing through sport; talent research; psychological impact analyses in physical education (school sport).
Lesson Overview
Sport und Sportvereine: Entwicklungen und Herausforderungen im Zeitalter der digitalen Transformation
Der Sport hat sich im letzten halben Jahrhundert von einem Wettkampfsport (vornehmlich) junger Männer in tradierten Sportarten zu einem komplexen gesellschaftlichen Phänomen ausdifferenziert. Dabei ging die Versportlichung unserer Gesellschaft (alle Bevölkerungsgruppen treiben Sport) mit einer Entsportung des Sports (nicht nur Wettkampfsport) einher. Das klassische Pyramidenmodell des Sports wurde von einem Differenzierten Sportmodell mit Feldern wie Mediensport, Leistungssport, Instrumenteller Sport (z. B. Gesundheitssport), Freizeitsport etc. abgelöst (Lamprecht & Nagel, 2022). Gründe für diese Entwicklung sind eine veränderte Arbeitswelt (weniger körperliche Arbeit, weniger Arbeitszeit), eine zunehmende Individualisierung und ein tendenzieller Wertewandel von einer Leistungs- hin zu einer Erlebnisgesellschaft. Diese Entwicklungen sind in unserer stetig sich beschleunigenden Gesellschaft keineswegs abgeschlossen. Wohin geht die Reise in Zeiten der digitalen Transformation? Was geschieht mit dem Bewegungstier Mensch, wenn der Alltag immer weniger körperliche Anforderungen stellt? Was passiert mit dem sozialen Wesen Mensch, sollten Kontakte immer seltener physisch zustande kommen? Und wie geht der Mensch mit der zunehmenden Entfremdung um, die auch beinhaltet, dass Eigenleistung immer seltener wahrgenommen wird? Diese Fragen sind nicht einfach zu beantworten, aber es gibt durchaus Hinweise, dass diese Entwicklungen insbesondere für Kinder und Jugendliche problematisch sind.
Eine grosse Bedeutung für die Vermeidung negativer körperlicher und psychischer Effekte auf den Menschen dürfte zukünftig dem Sport zukommen - doch welchem Sport? Der im Vortrag gemachte Vorschlag lautet, den Sport als analoge Gegenwelt zum digitalen Alltag zu konzipieren, um obigen Problemen entgegenzuwirken. Eine besondere Rolle könnten hier Sportvereine spielen, denen die Aufgabe zukommt, tradierte (positive) Werte des Sports und der Solidargemeinschaft Sportverein zur Begleitung des Menschen in der digitalen Transformation einzubringen.
Im Vortrag wird die Entwicklung des Sports in den letzten Jahrzehnten nachgezeichnet und eine vorsichtige (!) Prognose für die nächsten Jahre gegeben. Anschliessend ist das Ziel, aktuelle Entwicklungen im Plenum zu diskutieren.
Individualisierung in der Talentförderung
Das Erreichen internationaler Spitzenleistungen setzt in vielen Sportarten eine systematische und langfristige Talentförderung voraus. Wie dieser Weg zur Expertise zu gestalten ist, ist eine komplexe Frage. Die Sportwissenschaft hat sich dieser Frage in den letzten Jahren umfassend angenommen. Dabei hat sie sich, wie es dem Charakter der Wissenschaft entspricht, auf nomothetische, also für alle geltende Antworten konzentriert und dabei einige wichtige Erkenntnisse gewonnen. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass das Wie des Erreichens von Spitzenleistungen eine besondere Fragestellung ist. Denn: Sportliche Spitzenleistungen sind (im positiven Sinne) maximal abnormal. Wir suchen also nicht nach einer Norm, die für alle oder möglichst viele Individuen gilt, sondern nach dem Ausnahmefall. Es geht also um eine Person, die aufgrund ihrer Anlage, aber auch durch eine (für diese Person) perfekte Förderung internationale Erfolgen in einer bestimmten Sportart erreicht. Die Bearbeitung dieser Frage erfordert zum einen eine sportartspezifische Betrachtung, zum anderen eine personorientierte Herangehensweise, bei der die Entwicklung des komplexen Person-Umwelt-Systems in den Fokus genommen wird.
Im Rahmen des Vortrags werden die Grundlagen einer personorientierten Perspektive erläutert und es wird exemplarisch dargelegt, welchen Massnahmen für eine Individualisierung der Talentförderung notwendig sind. In der anschliessenden Plenumsdiskussion besteht die Möglichkeit, drängende Fragen aus der Praxis zu stellen.